Samstag, 29. August 2009

Samstag, 28. Februar 2009

Bernhard Gerl


Biografisches

Jahrgang 1965, ist Diplom-Physiker und schreibt seit seinem 7. Lebensjahr. Er arbeitet als freier Wissenschaftsjournalist für populärwissenschaftliche Zeitschriften und Firmenpublikationen sowie als freier Fachbuchlektor. Aus seiner Feder stammen bisher

• der Roman Schrei nicht! Weine nicht!, erschienen 1991 beim Verlag Herder,
• zwei Fachbücher über Brennstoffzellenfahrzeuge, erschienen 2002 beim verlag moderne industrie
• das Sachbuch Gott und der Urknall, erschienen 2009 beim St. Ulrich-Verlag


Leseprobe

Sein letzter Thrill

Da kündigte sich echt ein Megatag an. Alle Morgenwolken waren längst über alle Berge, und der gelbe Ball im blauen Rahmen schüttelte so heiß seine goldene Mähne, dass die Frühstücksbrötchen in Claus Mayrocks Einkaufstüte knisterten. Daheim wartete seine Neueste offenherzig auf Kaffee und fraglos auf mehr – sollte sie ruhig! Er zupfte die Tageszeitung aus der Rolle, grüßte die Gartenzwergbunnies, die am Eingang seines Domizils Spalier standen, und – sichtete ein Ärgernis. Da lag ein Penner ungebeten in seinem Gartenstuhl!
„Hey, darf ich Dich zum Essen einladen? Es gibt Trüffelpastete auf Lerchenzungen, Hummersuppe und echt mexikanisches Rindersteak mit Papayas. Oder willst du einen Schluck Wermut?“
„Wenn Sie ein Stück Brot hätten und einen Schluck Wasser.“
Der Tippelbruder stand auf. Seine Kleidung war original Rot-Kreuz-Kleidersammlung: graues Jackett, braune Kordhose, der unvermeidliche Bundeswehrparka, den er sorgfältig über dem Arm trug. Seine freie Hand pflückte eine pralle Plastiktüte vom Boden. Sein Gesicht war kantig, wie das eines amerikanischen Baseballidols. Er war makellos rasiert. Seine grauen Haare umrahmten eine runde Platte, als wäre er ein Mönch oder so was.
Er schritt auf Claus zu. Der wollte ihn schon darauf hinweisen, dass die Tür in der anderen Richtung lag, da erfasste er, dass er damit eine amüsante Konfrontation verpassen würde. Der Landstreicher schob sich direkt beim Hauseingang nah an Mayrocks Bleib-mir-vom-Hals-Zone heran. Der holte durch die Nase Luft. Man konnte ja nie wissen. Wenn man so einen mal in das Haus lässt, kann man später wochenlang lüften! Doch er schien sauber, nix Fahne, Urin- und Schweißgeruch: negativ.
Wie würde seine Neue auf den Überraschungsgast reagieren? Ein idealer Test! Claus griff sich seinen Schlüsselbund und warf ihn gespannt dreimal in die Höhe, dass es rasselte. Da vernahm Innen er das Patschen von Barfüßen. Der Türspion verdunkelt sich, und wuiwusch ward der Stein von dannen gewälzt. Hinter der Haustür war es zappenduster. Claus brauchte eine ganze Weile, bis er seine neue Flamme wahrnahm. Die war immer noch kaum bekleidet, aber ihr lauteres Lächeln hielt seine Augen gefangen, sodass die gar nicht weiter nach unten rutschen durften.
„Frühstück! Hunger!“, trällerte sie kurz, dann guckte sie ihm über die Schulter und ein Schatten zog über ihre Miene.
Sie strich selbstbewusst ihr langes Haar hinter sich, schloss einen Moment die Augen, atmete tief und ließ, verrückt wie ersehnt, glatt die Hände an ihrer Hüfte herabgleiten. Mit ihren Fingern kroch ihr letztes Kleidungsstück über die ausgestreckten Beine nach unten. „Sie verzeihen! Der gehört nur mir!“ Ehe Claus kapierte, was geschah, fädelte sie seinen Kopf durch eines der Slipbeine und schleppte ihn bloß an dieser Leine hinter sich her ins Haus. Nur ein Unhold hätte das traute Paar jetzt noch stören mögen. Doch der Penner trottete treu hinterher, wanderte zielstrebig in das Wohnzimmer ein und ließ sich dort am Esstisch nieder.

Freitag, 27. Februar 2009

Christiane Geldmacher

Biografisches

Christiane Geldmacher, Freie Autorin/Journalistin, schreibt Kurzgeschichten und Krimikurzgeschichten, verschiedene Veröffentlichungen, zuletzt: Hell’s bells, Kriminalgeschichten, Poetenladen-Verlag, Leipzig 2008


Leseprobe

Kilians Pech

I.

Sylvie stand am Grab ihres Vaters und sah zu, wie sein Sarg ins Loch rumpelte. Es war ein Sarg aus furnierter Eiche, ein Körperform-Stabsarg, Oberkasten gekehlt mit umlaufender Wulst und zweifacher Perlleiste, sechs Griffe im Preis inklusive. Die Innenausstattung bestand aus einer Auspolsterung champagnerfarbig, dreiteilig. Der Preis belief sich auf 1400 Euro, die Bezugsquelle lautete Särge zu fairen Preisen. Ein Internethandel für Bestattungsbedarf bei Freiburg.
Definiere faire Preise, dachte Sylvie. Und: 1400 Euro für so einen Sarg.
„Warum sehen deutsche Särge so furchtbar aus?“, fragte sie – nicht zum ersten Mal an diesem Tag – ihren Mann Georg.
„Weil Deutsche so einen furchtbaren Geschmack haben?“, antwortete ihr Fels in der Brandung.
Sylvie hatte zu ihrem Vater nie ein besonders gutes Verhältnis gehabt. Das bedeutete nicht, dass ihr sein Begräbnis nicht nahe ging. Am liebsten wäre sie nach Italien gefahren und hätte einen schlichten Sarg aus Rosenholz geholt, nicht furniert. Karol Wojtyła war in so einem begraben worden.
Nicht, dass ihr Vater in dem gleichen Sarg liegen musste wie der Papst.
Obwohl. Gefallen hätte es ihm schon.